Heimat – oder „was bin ich?“

Letzte Woche Letztes Jahr fragte mich der Kieferchirurg: „Sind Sie Schwabe?“ Worauf ich ausweichend antwortete, es sei ja schließlich eine Frage von Generationen ob man Schwabe sei. Dabei musste ich an die Unterhaltung mit einer mir fremden Frau, die ca. 80 Jahre alt war denken, die mich gefragt hatte ob ich „von hier sei“. Als ich ihr sagte, dass ich seit 45 Jahren in Grafenau, Baden-Württemberg  wohne, meine sie nur: „da send se also neu zuzoga“. Ich gehöre also anscheinend nicht dazu. In Hagen/Westf., wo ich geboren bin, ist man sich allerdings schon sicher, dass ich ein „Schwabe“ oder zumindest ein Süddeutscher bin.

Die Frage des Kieferchirurgen war Anstoß wieder darüber nachzudenken wie die Frage „Was bist du?“ wahrheitsgemäß beantworten kann. Ich muss mir ja nicht von anderen sagen lassen in welche Schublade ich passe. Im Zweifelsfalle gehöre ich jedenfalls nicht dazu und Zweifel sind angebracht.

Woran macht man das „sein“ fest? Da geht es doch wohl um die Heimat. Und was fühlt sich für mich an wie Heimat? Die Gegend um Stuttgart, besonders die Gegend südwestlich von Stuttgart fühlt sich für mich an wie Heimat. Aber es ist nicht die einzig gefühlte Heimat. Ich habe heimatliche Gefühle, wenn ich schwedischen Boden betrete und die Sprache höre. Ich habe heimatliche Gefühle, wenn ich in Sylt ankomme, wenn ich auf der Autobahn an Frankfurt/Main vorbei fahre und wenn ich in den Kohlenpott komme. Selbst Italien hat etwas von Heimat, viele Gegebenheiten sind mir vertraut, die Bars, das Essen, der Wein, der Klang der Sprache, die engen Gassen, die Menschen mit denen man schnell und leicht in Kontakt kommt …

Man fühlt sich heimisch, wenn man im Gleichklang mit der Umgebung ist. Man spürt in sich eine Resonanz mit Schwingungen aus der Umgebung mehr oder weniger stark ausgeprägt. Dieser Gleichklang ist schönes Gefühl, da er zwangsläufig harmonisch ist. In mir ist etwas, das auch in der Außenwelt da ist, es könnte sonst ja keine Resonanz entstehen. Daher möchte ich Heimat als etwas definieren, das eine Resonanz im Menschen auslösen kann.

Nun kommt es aber auch in der gefühlten oder zugeordneten Heimat gelegentlich zu Dissonanzen. Es entstehen Missklänge mit Gegebenheiten die einem einfach unsympathisch sind und das Heimatgefühl trüben können. In BaWü kann das z.B. der Kult ums Auto sein, der hier besonders stark ausgeprägt zu sein scheint. Das kann man zwar verstehen, weil die Autoindustrie doch gerade hier, direkt oder indirekt, der Brötchengeber für viele ist. Mögen muss man es nicht. In Südwesten Deutschlands können es aber auch pietistische Weltanschauungen sein, die einem den Wohlklang des Heimatgefühls mit Dissonanzen verderben. Die Liste lässt sich natürlich fortsetzen. Was ist mit den Menschen, die von sich sagen, dass sie hier dazugehören, also „Schwaben sind“? Die einen sind vielleicht Anhänger der Hahn’schen Gemeinschaft und haben Probleme mit den den Katholiken aus Oberschwaben (und umgekehrt). Ich tue mich schwer mit Religion, sie ist mir fremd. Und Fremdheit ist das Gegenteil von Heimat.

Aber zurück zur Harmonie. Es ist nicht nur die räumliche Umgebung und die dort gesprochene Sprache (oder Dialekt) die Resonanz auslöst. Es kann ein Essen sein, das einem vertraut ist und bestimmte Erwartungen erfüllen kann. Aber müssen das unbedingt Linsen mit Spätzle sein? Ein Risotto milanese oder Spagetti mit Pesto genovese sind doch auch keine „grande cuisine“ aber spielen doch in einer anderen Liga und sind für mich eindeutig mehr kulinarische Heimat als westfälische „Durcheinander-Gerichte“ oder die schwäbische Linsen-Spätzle-Saitenwürstle-(Schweinebauch) Kombination.

Und die musikalische Heimat? Hier wird es richtig chaotisch: bestimmte Interpreten bestimmter Komponisten europäischer klassischer Musik, Afro-und Euro-Amerikanischer Musik, Westafrikanischer Musik, klassischer Indischer Musik und europäischer Folklore können bei mir die Resonanz erzeugen die musikalische Heimat für mich bedeutet.

Ich weiß jetzt, was ich das nächste Mal antworte, wenn ich gefragt werde was ich bin: Ich bin Mischling – und warum reduzierst du dich auf ein Etikett?

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